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Peter Finke

Neue Aspekte einer alten Sache

Über den entbehrlichen Nimbus der Wissenschaft: Was ist Citizen Science?

Die Unterscheidung einer Sache von ihrer Bezeichnung ist elementar. Auch Citizen Science finden wir nicht nur dort, wo sie als solche gekennzeichnet wird. Sonst hätte es sie vor wenigen Jahrzehnten noch nicht gegeben. Wer dies glaubt, vertraut Etiketten mehr als ratsam ist. Er bemüht sich weniger um Wahrheit, als um Einfluss und läuft Gefahr, einem Nimbus aufzusitzen: dem Nimbus der Wissenschaft. Dieser Einführungsbeitrag zum Schwerpunkt Citizen Science ordnet die gegenwärtige Debatte ein, die von viel Unkenntnis geprägt ist und auch einseitige und emotionale Züge trägt. Ziel ist es, auf den Kern, um den es geht, hinzuführen: lebendige Wissenschaft und Forschung in der Mitte der Gesellschaft zu betreiben.

Das wichtigste, oft übersehene Problem in der Citizen Science-Debatte ist unser Verständnis von Wissenschaft. Es ist falsch, dies als bekannt oder unumstritten vorauszusetzen. Das weithin übliche Wissenschaftsverständnis umgibt die Wissenschaft mit einem sprichwörtlichen Nimbus (Finke 2005, 65ff.). Zum Teil ist er berechtigt: Wenn es irgendeinen kulturellen Fortschritt gibt, dann ist es die Möglichkeit, unsere Vernunft über Vermutungen, Glaubensinhalte, Vorurteile oder Triebe zumindest teilweise siegen zu lassen. Dass wir davon oft keinen Gebrauch machen, ist eine andere Sache.

Die grundlegende Frage: Was ist eigentlich Wissenschaft?

Der mögliche Vernunftgebrauch ist der berechtigte und nachvollziehbare Kern des Nimbus der Wissenschaft. Zu einem erheblichen Teil aber ist er ärgerlich. Denn er verhüllt auch viel: zum Beispiel Begleitstrukturen und Mängel, die insbesondere in große und unübersichtlich gewordene Systeme eingebaut werden können, oft ohne es zu wollen oder zu merken. Die Wissenschaft ist leider hiervon nicht ausgenommen. Ihre elementaren Basisprozeduren der Beobachtung, des Fragenstellens, des Beschreibens und Erklären-Wollens sind auch gegenwärtig noch so klar und allgemein zugänglich wie eh und je. Im Prinzip lernen wir sie schon als Kinder und perfektionieren sie später in den Schulen. Das fängt für alle in den Vorschulen an und hört für einige in Hochschulen auf. Dort wird es dann komplex und teuer, und es entsteht der Nimbus.

Viele hochspezialisierte Disziplinen, Ausbildungsgänge und Forschungsperspektiven müssen institutionalisiert werden, deren interne Organisation verschieden gestaltet werden kann und deshalb keine Angelegenheit der Wahrheitsfindung, sondern der Zweckmäßigkeit und Verwaltung ist. Obwohl diese Institutionen ein erhebliches eigenes Gewicht erlangt haben und für die heutige Großforschung vielfach unentbehrlich geworden sind, bleiben sie doch ein Teil der Rahmenbedingungen und nicht der Wissenschaft selbst. Hinzu kommen Erwartungen, Wünsche und Anforderungen, die von vielen Seiten an die Wissenschaft herangetragen werden und deren Leistungsfähigkeit überhöhen. Man traut ihr nicht nur die Lösung unserer schwierigsten Erkenntnisrätsel zu, sondern auch unserer sozialen Konflikte, Erkrankungen und ökologischen Dummheiten. Ein Ideal verklärt die Wirklichkeit.

Der heutige Wissenschaftsnimbus wird von den Universitäten völlig dominiert (Schneidewind/ Singer-Bodrowski 2013) und er ist sehr stark; deshalb ist auch seine verhüllende Kraft groß. Er bestimmt weithin das Bild, das sich die Menschen von Wissenschaft machen. Es betont das Idealbild eines Systems professioneller, großartiger, objektiver Erkenntnissuche, nicht das der weniger makellosen Realität mit ihren vielen weiteren, von außen in sie hineingetragenen Interessen einiger Handlungssysteme mit anderen Zielsetzungen, etwa der Wirtschaft oder der Politik. Es fällt dann kaum noch auf, dass es bis heute überlebende, in der Gegenwart sogar besonders wichtig gewordene Formen von Wissenschaft gibt, die auf den ganzen akademischen Rahmen, seine institutionellen Organisationsformen und die Standardbegleitung vielfältiger Außeninteressen weit weniger angewiesen sind. Wir haben früher dafür keinen eigenen Begriff gehabt; heute besitzen wir ihn: Citizen Science. In ihr geht es nicht um internationalen Wissensfortschritt oder Prestige, nicht um berufliche Karrieren oder Verwertungswünsche der Industrie, Nobelpreise sind nicht zu vergeben und auch ein Wissenschaftsminister hat dort gar nichts zu sagen. Deshalb ist auch der ganze Nimbus dort entbehrlich.

Was ist Citizen Science?

„Citizen Science“ ist im Wesentlichen eine neue Bezeichnung für eine alte Sache, die nur heute durch das Internet, die aktuelle Bildungsdebatte und den Reformdruck auf die akademische Wissenschaft neue Aspekte hinzugewonnen hat (Finke 2014, passim). Im Kern geht es um das unabhängig von Ausbildungsgängen, Hochschulen, Berufen und Karriereaspekten beharrlich verfolgte, ernsthafte, durch nichts anderes als starke persönliche Interessen und Fähigkeiten motivierte Bemühen um Wissen. Es ist völlig gleichgültig, wer sich um dieses bemüht oder auf welchen Feldern dies stattfindet. Wichtig ist nur: Ein formelles Studium, Examina und Berufswissenschaftlertum an Universitäten definieren weder notwendig noch hinreichend, was Wissenschaft oder wer ein Wissenschaftler ist; viel eher tun es die Begeisterung für die Sache, eine wie auch immer erworbene faktische Kompetenz und die Bereitschaft, alles hierfür Nötige zu lernen und zu tun (Finke 2012). Alte Begriffe wie „Amateurwissenschaft“ sind demgegenüber schlecht, weil sie leider negative Konnotationen mitschleppen. Grund ist jener allgegenwärtige Nimbus, er wirkt wie ein Vorurteil.

Citizen Science betreibt man ehrenamtlich, nicht als Beruf. Stellen oder Arbeitsplätze an Institutionen gibt es nicht, deshalb fehlen sie auch nicht. Professionelle Wissenschaftler versuchen bisweilen, Projekte zu organisieren, die Citizen Scientists einbinden und deren Kompetenzen nutzen, aber sie bilden jene nicht aus und sind auch nicht die Urheber von Citizen Science. Diese entsteht unabhängig von ihnen durch die Interessen und Bemühungen des Einzelnen. Profis können deren Früchte abschöpfen, aber notwendig ist auch dies nicht. Die kenntnisreichsten Laien forschen, ohne von jenen bei der Hand genommen werden zu müssen.

Motive zur Wissenssuche

Wissenssuche kann privat oder öffentlich motiviert sein: Die Lust am Entdecken und Erhalten kann dafür ebenso eine Rolle spielen wie die am Sammeln und Spielen, besonders aber die breite Palette möglichen bürgerschaftlichen Engagements. Vor allem dieses kennzeichnet Citizen Science mehr als die Wissenschaft der Profis: freiwilliger Einsatz für ein privat oder öffentlich als wichtig erkanntes Ziel, sei es als Hobby oder als Dienst an der Gesellschaft. Auch akademisch ausgebildete Akteure mischen sich immer wieder unter die engagierten Laien, gerade weil es hier nicht um Stellen, Karriere oder Bücherwissen geht, sondern wirklich nur um die Sache. Alltagsnähe, Praxisbezug, Unabhängigkeit und Selbstorganisation sind zentrale Kennzeichen echter Citizen Science; sie ist Wissenschaft mitten in der Gesellschaft. Dies bemerken wir heute neu. Aber in der Sache ist es nur eine neue Chance, die die Aufklärung heute bekommt.

Unterschiede zwischen Professional und Citizen Science

Freilich: Hinsichtlich der Themen und Methoden gibt es keine scharfe Grenzlinie, die Citizen Science von Professional Science trennt, nur eine Übergangszone zwischen dem Elementaren, im Prinzip für jedermann Erlernbaren, und dem Schwierigen, das ohne spezielle Ausbildung und Professionalisierung kaum erreichbar ist. Man könnte auch sagen: zwischen unten und oben, mit einem breiten Übergangsbereich auf mittlerer Höhe. Aber es geht um die gleiche Wissenschaft, nicht um ein Konkurrenzunternehmen. Einige wenige Amateure sind nicht schlechter als die Profis, viele aber sind weniger ambitioniert und beschränken ihr Interesse auf grundlegende, anschauliche Wissensbereiche. Allerdings gewährleisten diese zumeist auch eine gewisse Praxisrelevanz. Dies ist kein scharfer, aber schon ein deutlicher Unterschied. Er zeigt sich auch in Folgendem: Während die Profis in bestimmten Einzeldisziplinen arbeiten und dort den jeweiligen internationalen Stand des Wissens weiter voranzutreiben versuchen, halten abstrakte Disziplinengrenzen Citizen Scientists nicht davon ab, sich mit faktisch zusammenhängenden Wissensfeldern zu befassen.

Sie müssen keinen Vertrag erfüllen, der sie an eine Einzeldisziplin bindet. Der Kenner der Nachtschmetterlinge muss sich zwangsläufig auch beispielsweise mit Fledermäusen, Flächenversiegelung, Verkehr, Landwirtschaft, EU-Politik, Lichtverschmutzung, Klimawandel und vielen anderen Erscheinungen des alltäglichen Wandels um uns herum befassen; er tut dies freiwillig und von Fakultätsgrenzen unbehindert. Eine solche Herangehensweise ist faktisch auf allen Wissensfeldern selbstverständlich, mit denen sich Bürgerwissenschaftler befassen können.

Forschung geschieht hier deutlich weniger in den schwer überschaubaren Spezialgebieten, in die sich die moderne professionelle Wissenschaft immer mehr aufspaltet, sondern in jenen einfacher zugänglichen Wahrnehmungsräumen, in denen sich das Leben um uns herum abspielt. Daher finden wir statt der Interdisziplinarität der Profis hier eher eine tendenziell offenere Transdisziplinarität. Fächergrenzen verlieren ihre Barrierewirkung.

Nähe direkter Erfahrung hat Bedeutung

Die Nähe direkter Erfahrung gewinnt auf diese Weise eine Bedeutung zurück, die sie so für die professionellen Fächer längst verloren hat; lokale und regionale Themen spielen in Citizen Science eine große Rolle. Interesse und Engagement entspringen häufig erlebten Praxiszusammenhängen: der Begeisterung für ein Hobby, der noch durch Zeitzeugen belegbaren Geschichte eines Stadtviertels, dem durch unabgefragtes Bürgerwissen verursachten politischen Ärger über riskante Planungen, drückenden sozialen Konflikten oder der Sorge um mangelnde Unterstützung für Denkmal-, Umwelt- und Naturschutz. In der professionellen Wissenschaft wird solche Praxisnähe bisweilen gesucht, aber nicht immer gefunden. Viele ihrer Problemstellungen sind sogar zwangsläufig lebensferne Laborprodukte, in Citizen Science ist Lebensnähe eine ganz normale Sache. Sie ist nicht methodisch überholt, sondern den Fragen angemessen, die sich den Bürgerwissenschaftlern heute stellen.

Stärken und Schwächen beider Formen von Wissenschaft verhalten sich oft spiegelbildlich zueinander. Wo Profis stark sind – in der Theoriebildung, in abstrakten Kontexten, bei hochgradiger Spezialisierung oder einfach dann, wenn Forschung sehr aufwendig und teuer wird (alles gut bekannte Standardelemente moderner Fachwissenschaften) – sind es Laienwissenschaftler zumeist nicht. Auf solches Terrain begeben sie sich deshalb fast nie; wo es Einzelne doch tun, ist die Gefahr von Banalität oder Scharlatanerie gegeben. Auch Profis sind davor nicht gefeit; immerhin haben sie einige institutionalisierte Kontrollmechanismen dagegen entwickelt. Bei Citizen Science hilft mehr das Desinteresse: Man befasst sich in der Regel nicht mit dem, wovon man nichts versteht.

Citizen Science ist eine wichtige Ergänzung von Professional Science

Ein wichtiger neuer Aspekt ist, dass jene beiden Formen, in denen Wissenschaft auftritt, heute explizit miteinander verglichen werden können. Beide tragen keinen Wettbewerb miteinander aus, sondern ergänzen einander. Sie entstammen einer ehemals gemeinsamen Wurzel, als es noch nicht viele frei zugängliche Universitäten und das Berufsbild „Wissenschaftler“ gab. Manche Wissensfelder sind als Forschungsgebiete auch von den Profis mehr oder weniger freiwillig geräumt worden, weil die Mittel für ihre Fortführung nicht ausreichten oder anderes dringlicher und aktueller erschien. Und so muss man jetzt von interessierten Laien erwarten, dass sie die hiervon für sie zugänglichen möglichst aufgreifen, damit sie nicht ganz vergessen werden. Dabei kann gerade solches Wissen oft von sehr großer Relevanz und Bedeutung für aktuelle gesellschaftliche Fragen sein; große Teile der heimischen Biodiversitätsforschung zeigen dies ebenso eindringlich wie die Suche nach Modellen des künftigen Zusammenlebens von Jung und Alt, Einheimischen und Fremden oder die vielfältigen Ansätze der NGOs, wenn es um die Versuche geht, neue Formen des Umgangs mit Geld, Dienstleistungen oder Waren jenseits des Marktes zu finden.

Die anspruchsvollsten Funktionen von Citizen Science sind das Bemühen, die bei den Profis übliche Aufspaltung der Zusammenhänge in Bruchstücke möglichst zu vermeiden und damit neue Pfade in die Wissenszukunft zu finden, sowie die immer wichtigere kritische Kontrolle der sehr einflussreich gewordenen angeblichen Experten. Diese besitzen, unterstützt von den Medien und möglichen Auftraggebern, heute eine Macht, zu der die Schmalheit ihres jeweiligen Expertentums nicht gut passt. Er wirkt sich meistens als Unterstützung für die Bewahrung des status quo aus und ist auch deshalb sehr kritisch zu sehen. Hinzu kommt, dass viele Experten im Dienst bestimmter Interessen stehen und ihre Expertisen auch Merkmale der Einseitigkeit aufweisen können. Expertentum ohne Kontrolle kann gefährlich werden. In einer demokratischen Zivilgesellschaft muss es sich grundsätzlich vor der hierauf nicht beschränkten Alltagsrationalität der Laien – uns allen – verantworten. Auch ihr Nimbus geht dabei verloren.

Kritik der professionellen Wissenschaft

Die professionelle Wissenschaft ist kein Thema von Citizen Science, aber diese ist auch eine Art Ausgleichsmaßnahme für manche bedenklichen Aspekte jener. Auch dass uns dieses jetzt auffällt, ist neu. Wer naiv auf Groß- und Spitzenforschung blickt, mag es verwunderlich finden, dass eine solche Errungenschaft unserer kulturellen Geschichte auch Schwächen zeigen soll. Doch oft verstellt der Nimbus der Wissenschaft unseren klaren Blick dafür, dass sie keineswegs die personifizierte Rationalität, das schlechthin nur auf objektive Erkenntnis ausgerichtete System ist. Dabei geht es nicht um gelegentliche Betrüger oder Scharlatane; die gibt es überall, leider auch in der Wissenschaft. Sie besitzt viele Methoden, damit fertig zu werden. Gravierend sind die strukturellen Probleme (Schneidewind/Singer-Bodrowski 2013, passim), die vor allem mit der immer weiter fortschreitenden Spezialisierung, der weiter steigenden Anforderung an die Genauigkeit der Aussagen, bürgerunfreundlicher Sprache, der durchgängigen Institutionalisierung, der durch sie verursachten Hierarchien, der allfälligen Bürokratie, der von massiven Außeninteressen abhängigen Finanzierung und der deutlich gewachsenen Einflussnahme von Politik und Wirtschaft auf die Wissenschaft zu tun haben. Bildungsökonomen sind die heute führenden Berater bei den von diesen beiden Nebensystemen gewünschten Reformen unseres Wissenschafts- und Universitätshandelns. Mit der sogenannten Bologna-Reform haben sie den bislang letzten, europaweit zu besichtigenden und hinsichtlich seiner Qualitäten und Konsequenzen sehr ambivalent beurteilten Beleg für die sie hierbei leitenden Kriterien abgeliefert (Finke 2010).

Vielfache Fraktionierung der Fachperspektiven

In der Summe führt all dies zur vielfachen Fraktionierung der Fachperspektiven auf die Welt mit immer gravierenderen Zusammenhangsverlusten, zu einer fortschreitenden Abhängigkeit der Forschung von begrenzenden Rahmenbedingungen und einer zunehmenden Unverständlichkeit ihrer das allgemeine Publikum weitgehend ausschließenden Kommunikationsformen. Teilweise ist dies unabänderlich, teilweise aber auch nicht. Professionelle Reparaturmethoden wie interdisziplinäre Forschung, Public Understanding of Science oder massenmediale Formen der Präsentation von Wissenschaft als Unterhaltung helfen freilich nur begrenzt, die zunehmende Entfremdung der professionellen Wissenschaft von der Lebenswirklichkeit der Menschen zu überdecken. Eine Gegenbewegung würde vielfachen, vernunftgesteuerten Wandel verlangen, doch steht dem in vielen wichtigen Disziplinen die zeitweilig starke Macht von herrschenden Paradigmen entgegen. Verwaltung, Politik und Wirtschaft fordern von der Wissenschaft einen Tribut in Form von merklichen Mitsteuerungswünschen und diesen entsprechenden Freiheitsverlusten. Das faktische Bild der professionellen Wissenschaft ist weit weniger schön als ihr verbreiteter Nimbus vermuten lässt. Citizen Science ist dagegen Wissenschaftsfreiheit pur.

Sehr wichtige kritische Fragen betreffen auch das Ausmaß, zu dem die Wissenschaft dazu beigetragen hat, dass wir uns heute ernsthafte Sorgen um den Fortbestand der Lebensfähigkeit des Planeten Erde machen müssen (Ober 2014). Sie war es, die Wertvorstellungen und Techniken entwickelt hat, welche uns gegenwärtig veranlassen müssen zu fragen, wie lange wir noch so weitermachen wollen und können. Es sind immer wieder ökonomische Rücksichten gewesen, die uns tiefer in diese Sackgasse hineingeführt haben. Deshalb ist die Wissenschaft aus ihrer Mitverantwortung für künftige Pfade aus ihr heraus nicht zu entlassen. Heute sind es insbesondere die Grundfragen der Ökonomik und des im expandierenden Kulturbereich der westlichen Zivilisation daraus entwickelten wachstumsfixierten Lebensstils, welche nicht zuletzt von besorgten und kritischen Bürgern neu aufgeworfen werden, weil sie oft die Bedrohlichkeit der Lage eher erkennen als die angeblichen Experten, die in ihren Lehrsätzen befangen sind. Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit sind damit auch Desiderata eines Wissenschaftswandels geworden, den wir nicht einfach nur abwarten können, sondern bewusst und gezielt herbeiführen müssen, wenn er wirklich noch rechtzeitig kommen soll (Finke 2005). Citizen Science verleiht diesem nötigen Wandel einen neuen Schub.

Die Kritik am entbehrlichen Nimbus der üblichen akademischen Wissenschaft ist notwendig. Von mehreren Seiten herkommend haben sich daher kritisch denkende Wissenschaftler aufgemacht, seinen störenden Zauber kenntlich zu machen und abzustreifen. Hierbei spielt heute Citizen Science eine wichtige Rolle. Manches spricht dafür, dass wir den nötigen Wandel unter ihrer Mitwirkung eher erreichen können, als dass es ratsam wäre, die ganze Wissenschaft allein den Profis zu überlassen.

Es gibt viele Fehlwahrnehmungen

Unter den Kämpfern für Citizen Science gibt es freilich nicht nur die Nimbuskritiker, sondern auch Nimbuspfleger. Zum Beispiel wird sehr unterschiedlich von Citizen Science-Projekten gesprochen. Vor allem viele Wissenschaftsprofis und -politiker sehen solche bei uns noch kaum; sie befürchten stattdessen, dass wir schon mal wieder von anderen auf dem Gebiet der Wissenschaft abgehängt werden, was für Citizen Science besonders absurd ist. Es gibt sie seit langem reichlich, wenn auch nicht unter dem neuen Namen, und zwar auf vielen möglichen Wissensfeldern, keineswegs nur natur- und umweltwissenschaftlichen, die heute vor allem genannt werden. Allerdings ist es engagierte Laienforschung, die nicht unbedingt nur dem Ziel dient, den Profis zu helfen, ihre Personal- und Mittelknappheit mit der unentgeltlichen Zuarbeit durch ehrenamtlich tätige Helfer zu stopfen. Dies geschieht bei uns tatsächlich noch seltener als besonders in den USA (Dickinson/Bonney 2012), führt freilich vielfach auch zu Verdruss bei denen, die mit ihrer oft aufwendigen Arbeit nur Zuträgerdienste für die Profis oder Behörden leisten dürfen, bei denen allein die Ausarbeitung der Forschungsprogramme und die abschließende Auswertung der vielen ihnen bequem und kostenlos überlassenen Daten verbleibt. Wo der Dialog gefordert, aber de facto fast nur in einer Richtung gepflegt wird, fehlt etwas. Die Kompetenzen vieler Citizen Scientists werden unter Wert gehandelt, Probleme des Besitzrechts an ihren Daten übergangen und schließlich noch Ehrenamtlichkeit mit Kostenlosigkeit verwechselt.

Ein wichtiger Grund für solche Fehlwahrnehmungen ist die Einschätzung der tatsächlich noch sehr wenig verstandenen neuen Rolle des Internets. Es hat zweifellos neue Formen und Chancen für Citizen Science eröffnet. Es hat Informations- und Wissenschaftspartizipation in einem Ausmaß ermöglicht wie nichts zuvor. Heute besteht das Problem eher darin, die relevante Information, die dann auch zu Wissen werden kann, unter dem Riesenberg irrelevanter überhaupt zu finden. Das Internet ist nicht nur eine Goldgrube des Wissens, sondern auch ein riesiger Müllhaufen. Es begünstigt beispielsweise die Meinung, dass die Zeiten, zu denen man Besitzansprüche für geistiges Eigentum anmelden konnte, vorbei seien. Zweifellos hat nichts allgemeines Wissen so sehr demokratisiert und verfügbar gemacht wie das Internet, aber damit ist geistiges Eigentum keineswegs obsolet geworden. Dennoch ist es ein Irrtum, wenn einige Propagandisten der modernen Formen von Citizen Science ihm die entscheidende Rolle zusprechen. Das Internet hat Citizen Science erleichtert, die Beteiligung von sehr viel mehr Menschen ermöglicht als jemals zuvor. Auch hat es neue Formen der Bürgerwissenschaft hervorgebracht („Crowd Science“, „Game Science“), aber begründet hat es selbst diese nicht. Citizen Science entsteht nicht dadurch, dass Bürgerkompetenz abgeschöpft wird, sondern indem Menschen diese erwerben und vervollkommnen.

Kaum Beachtung durch die Wissenschaftsforschung

Häufig gehen hiermit andere Fehldeutungen einher (Finke 2014), die fast allesamt darauf zurückzuführen sind, dass das Thema auch von den Wissenschaftsforschern bislang kaum beachtet worden ist. So können sich an Hierarchien in Institutionen gewöhnte Experten kaum vorstellen, dass die Entwicklung und Förderung eines vernetzten Systems nicht in jedem Falle am besten „top-down“, also durch ideelle und materielle Vorgaben der sich hierfür als zuständig sehenden Eliten erfolgt, sondern im Gegenteil oft besser umgekehrt „bottom-up“ verlaufen und sich selbst überlassen werden sollte. Lediglich behutsame und selbstlose Hilfestellungen von außen bei Wahrung der selbstorganisierenden Kräfte der Bürgerwissenschaft führen hier weit eher zum Ziel. Jedenfalls ist die Gefahr, Citizen Science mit solcher „Hilfe“ zu schaden, größer als die Chance, dieses wichtige Korrektiv unseres Wissenschaftssystems effizient zu unterstützen. Hier zeichnet sich ein Elite-Basis-Konflikt ab, dessen unangenehmste Auswirkungen mit viel gutem Willen durch gemeinsame Anstrengungen vielleicht noch vermieden werden können. Es handelt sich nämlich nicht nur um ein bloßes Partizipationsproblem: Es geht nicht um ein Wohnrecht im Elfenbeinturm, sondern um die Rückkehr der Wissenschaft in die Mitte der Gesellschaft (vgl. Finke in Vorb.).

Wie das vom BMBF geförderte Citizen-Science-Förderungsprojekt GEWISS zeigt, sind die Konfliktgründe real gegeben. Die Bundesministerin für Bildung und Forschung mag sich inzwischen, nachdem Laienforschung bislang völlig ignoriert worden war, auch für Citizen Science zuständig fühlen; weisungsbefugt ist sie hier jedenfalls nicht. Es gibt keine Institutionen, die Weisungen so entgegennehmen könnten, wie dies bei den Universitäten der Fall ist. Das Wissenschaftsministerium, die beiden großen deutschen Verwaltungsgemeinschaften der Wissenschaft und einige weitere Akteure sollten noch einmal nachdenken, bevor sie ihre bisherige Strategie fortsetzen, Citizen Science nur als vermeintlich neue Methode in die professionelle Wissenschaft zu integrieren. Hier ist schon die Sprache verräterisch. Es ist eine zu einfache Wissenssoziologie, der Wissenschaft die Gesellschaft und den Wissenschaftlern die Bürger gegenüberzustellen und nur ihre akademisch institutionalisierte Gestalt mit Wissenschaft zu identifizieren; ernsthafte Wissens- und Wahrheitssuche lässt sich mit solch einem schlichten Modell nicht erfassen. Wissenschaftler sind Bürger wie alle anderen, manche Bürger sogar Wissenschaftler, und jede Wissenschaft ist Teil ihrer Gesellschaft. Auch leidet die gegenwärtige Debatte an einer nachvollziehbaren, aber doch ungerechtfertigten Überbetonung naturwissenschaftlicher Aspekte. Dass Citizen Science immer „Spaß machen“ solle (ein weiterer Topos von GEWISS), können selbst viele Naturschützer, die immer mehr Biodiversitätsverluste dokumentieren müssen, kaum nachvollziehen. Kulturelle, historische, soziale oder politische Problemkontexte kommen hinzu und bieten ein wesentlich differenzierteres Bild, als es dort gezeichnet wird.

Schlussfolgerung: Citizen Science steht für Freiheit und Demokratie

Es ist wohlüberlegt, wenn ich in meinem Buch über Citizen Science Paul Feyerabend nicht nur kritisiere, sondern trotz seiner Fehler mehrfach auch als Vorkämpfer lobe. Nicht nur hat er in „Erkenntnis für freie Menschen“ (dt. Feyerabend 1978, engl. „Science in a Free Society“ 1977) noch vor Alan Irwins namengebendem Buch (Irwin 1995) die Vision einer Bürgerwissenschaft beschrieben, er hat vor allem immer wieder ihre Hauptfeinde lächerlich gemacht: die Macht der herrschenden Lehren und der freiheitsbeschränkenden Außeninteressen. Es ist der fragwürdige Nimbus der Wissenschaft, der diese Macht zu sichern versucht, aber nur im Rahmen des Wahrheitsstrebens ist der Nimbus nachvollziehbar; alles, was darüber hinausgeht, ist fragwürdig und entbehrlich. In der neuen deutschen Debatte über Citizen Science seit Ende 2012 wird die für jeden Dialog notwendige kritische Machtbalance zwischen den Dialogpartnern durch ein sehr auffälliges Prestigebündnis auf der Profiseite von Anfang an gestört. Die Pflege des Nimbus genießt Vorrang vor seiner Abschaffung. Ein wirklicher Dialog, den wir anstelle der asymmetrischen Kommunikation bräuchten, die wir haben, wird hierdurch zumindest erschwert.

Heute gliedern sich jedenfalls die Citizen Science-Freunde in solche, die davon überzeugt sind, von etwas völlig Neuem zu reden, und in solche, die das Gemeinte in seinem wesentlichen Kern lange kennen. Erstere versuchen zurzeit, im Schulterschluss mit den Institutionen der Wissenschaft und der Politik den Ton anzugeben und Citizen Science zu einer neuen Methode der Profis zu verkleinern; faktisch kann sich dies zum Schaden des wirklichen Potenzials der Sache auswirken. Ich gehöre zu letzteren, denn die Wissenschaft lebt spätestens seit der Aufklärung nicht nur in relativ spät etablierten speziellen Institutionen, sondern auch mitten in der Gesellschaft. Wir müssen dies aber wieder wahrzunehmen lernen.

Hinzu kommt das Problem, dass die Grundideen der Demokratie in der Wissenschaft noch immer nicht zureichend umgesetzt werden. Auch hierin liegt ein aktueller Aspekt und deshalb sollte sich die Politik zurückhalten. Das demokratische Ideal, dass eine gute Bildung allen zugänglich sein muss und nicht nur durch Geburt wenigen, ist bei uns bislang nicht konsequent erfüllt; Bildungs- und Wissensgerechtigkeit bleiben Wünsche. Vom Vorbild, den Breitensport als Grundlage des Spitzensports zu fördern und nicht etwa diesem den Sportbegriff ganz zu überlassen (cf. Friebe 2013), haben wir im Wissenschaftsbereich noch nicht viel gelernt. Solange Vernunft gegen Reklameschlagworte wie „Fortschritt“, „Markt“, „Wachstum“ oder „Geld“ wenig ausrichtet, sind wir noch nicht die Wissensgesellschaft, von der manche bereits vorschnell sprechen. Freie und selbstorganisierte Citizen Science zu fördern wäre ein guter Weg, ihr näherzukommen; sie ist eine Art „direkter Demokratie in der Wissenschaft“, wie der Schweizer Journalist Alex Reichmuth sagt. Allein mit dem Umweg über das abgeschlossene und durch vielerlei Einflüsse und Rücksichten beschädigte System der Berufswissenschaft schaffen wir es nicht. Die Reform der Wissenschaft an unseren Universitäten bleibt nach dem zweifelhaften Erfolg von Bologna auf der Agenda.

Fazit: Selbstorganisation statt Außensteuerung

Die kritische Funktion von Citizen Science, wie sie in diesem Themenschwerpunt in Karl Kollmanns verbraucherorientierten Ideen, Uwe Schneidewinds Bürgeruniversität oder Manfred Ronzheimers Vision eines kritischen Wissenschaftsjournalismus Gestalt gewinnen, sind einige Wege, hierbei voranzukommen. Vor allem aber gehört von allen Seiten mehr Respekt vor der Rationalität der Laien dazu, wenn die Wissenschaft eine Chance bekommen soll, sich zumindest teilweise wieder in der Mitte der Gesellschaft bemerkbar zu machen. Dies könnte der wichtigste neue Aspekt der alten Sache werden.

Citizen Science zu fördern heißt nicht, vordringlich Wissenschaftsprofis zu fördern, die Bürgerkenntnisse auswerten wollen; das sollten wir auch tun, aber nur in zweiter Linie. Es heißt vor allem Bürger zu fördern, deren Wissensbedürfnisse und -kompetenzen als Laien wir bislang zu wenig ernst genommen haben. Dies schließt eine größere Wertschätzung ihres elementaren, grundlegenden Beitrags zu aktueller, lebensnaher Forschung ein, einschließlich des hierfür nötigen kritischen Bewusstseins. Und es heißt, den Nimbus durch einen von Institutionen und Usancen nicht verstellten Blick auf die Wissenschaft, ihre Basis und ihre Spitzen, ihre Chancen und ihre Risiken, ihre Stärken und ihre Mängel zu ersetzen.

Die anarchische Qualität von Citizen Science, ihre im Vergleich zur Profiwissenschaft beneidenswerte Freiheit, ihre Selbstorganisiertheit und ihr wertvoller Beitrag zur Demokratie, sind hohe, aktuell bedrohte Güter (Finke 2014, SPIEGEL-Interview). Sie zu erhalten ist etwas, das allen Verantwortlichen abverlangt werden muss. Der Elite-Basis-Konflikt, der sonst droht, könnte viele gute Ansätze zerstören.

 

Kontakt

Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Finke

Theory of Science, Citizen Science and Cultural Ecology

Former Universities: Bielefeld, Witten-Herdecke (Germany), Debrecen (Hungary)

E-Mail: peter.finke@t-online.de

 

Literatur

Dickinson, J. L., Bonney, R. (eds.), Citizen Science. Public Participation in Environmental Research.
 Ithaca and London, Cornell University Press, 2012.

Feyerabend, P., Erkenntnis für freie Menschen, Frankfurt, Suhrkamp 1978.

Finke. P., Die Ökologie des Wissens. Exkursionen in eine gefährdete Landschaft, Freiburg: Alber 2005.

Finke. P., Vom Machtraum zum Wahrheitsraum. Die Mitschuld der Wissenschaft an der Bologna-Universität. Forschung und Lehre 2/2010, S. 100-102.

Finke, P., Der schwierige Weg zur Wissensgesellschaft. Ein Plädoyer für Citizen Science.
Forschung und Lehre 11-12/2012, S. 914-916.

Finke, P., Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien. München, oekom 2014.

Finke, P., Die Wissenschaft der Bürger und ihre Gespenster. Über einige Fehldeutungen in der gegenwärtigen
Citizen Science-Debatte. Forschung und Lehre 5/2014, S. 372-374.

Finke, P., Mit Citizen Science die Wissenschaft verändern. Wissenschaftsmanagement 3/2013, S. 12.

Finke, P. (Hg., in Vorb.), Bürgerwissenschaft: Abschied vom Elfenbeinturm?

Finke, P., Den letzten Rest Anarchie erhalten, Spiegel-Interview 29/2014, S. 103.

Friebe, R., Aus großer, lebenslanger Freude. FASZ 8 (24.02.2013), S. 66.

Irwin, A., Citizen Science. A Study of People, Expertise and Sustainable Development. London and New York, Routledge 1995.

Ober, S., Partizipation in der Wissenschaft. Zum Verhältnis von Forschungspolitik und Zivilgesellschaft am Beispiel der High-Tech-Strategie. München: oekom 2014.

Phillips, L., Carvalho, A., Doyle, J. (eds.), Citizen Voices. Performing Public Participation in Science and Environmental Communication. Bristol and Chikago, Intellect 2012.

Schneidewind, U., Plädoyer für eine Bürgeruniversität. DUZMagazin 8/2013, S. 30-31.

Schneidewind, U., Singer-Bodrowski; M., Transformative Wissenschaft. Marburg: Metropolis 2013.

 

 

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