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Karl Kollmann

Laien und Sozialwissenschaften – ein beidseitiges Desinteresse?

Eine Beobachtung zur Unverbundenheit von Citizen Science und Profi Science

Wenn man die bürgerliche Wissensarbeit im Sinne von Peter Finkes „Citizen Science“ weit fasst, zeigt sich gerade im sozialwissenschaftlichen Bereich eine vielfältige Landschaft. Gemeint sind dabei nicht jene Aktivitäten und Beiträge, die außeruniversitäre Einrichtungen oder Nichtregierungsorganisationen (NGOs) hervorbringen – die sind ja meist gut im modernen interessenspolitischen Betrieb integriert und gehören ohnedies zur Profi-Wissenschaft. Gemeint sind jene Autoren, die sich neben ihrer Berufsarbeit anderen aktuellen Themen grundsätzlicher zuwenden und hier neue Perspektiven beisteuern.

Beispiele außer-wissenschaftsbetrieblicher Wissensarbeit liefern etwa Stefan Schridde mit seiner Initiative „Murks? Nein Danke!“, Christopher Stark mit seinem Buch und Blog: Neoliberalyse, oder Nora S. Stampfl mit ihren Büchern und Alexander Dill mit seinen Aktivitäten zu Gemeingütern, die sich dann in einem alternativen Forschungsinstitut fokussieren (Basel Institute of Commons and Economics, http://commons.ch/). Klar verschwimmen da mitunter scharfe Grenzen zwischen Beruf und dem bearbeiteten Thema, etwa wenn sich Datenschützer mit der neuen Erwerbsarbeitswelt auseinandersetzen (und die Technikfaszination unhinterfragt bleibt, Constanze Kurz, Frank Rieger 2013). Andererseits wird jahrelang gesellschaftsrelevante Theoriearbeit außerhalb des universitären Betriebs geleistet, etwa im Rahmen der Plattform und Zeitschrift „Streifzüge“.

Das sind einige Beispiele, es gibt mehr zu entdecken. Gemeinsam ist ihnen ein fehlender Bezug ihrer Arbeit und ihrer Ergebnisse zur professionellen Wissenschaft. Wohlgemerkt: nicht im Erklärungskontext, da schließen sie oft breit an die Profi-Science an, sondern im Verwendungszusammenhang. Die Profis greifen die Ergebnisse jener bürgerlichen Wissensarbeit kaum auf, ähnlich ist es mit den Medien. Die interviewen ungleich lieber einen Professor der Universität XY, als einen Exponenten aus der Citizen Science. Dazu kommt der mediale Matthäus-Effekt – wenn jemand ein paar Mal im Fernsehen Interviewpartner war und sich kooperativ gezeigt hat, steht der Experten-Fernsehlaufbahn nichts im Weg.

Die Verhältnisse in den professionellen Wissenschaften

Man mag im Rückblick fassungslos darüber sein, wie wenig sich die Universitäten gegen den neoliberalen Umbau zu Ausbildungsstätten (Bologna-Reform) und zu Forschungseinrichtungen für die Wirtschaft gewehrt haben. Allerdings, die Veränderungen haben bereits früher eingesetzt und Wissenschaft war oft eine ziemlich selbstreferenzielle Angelegenheit, gerade in Europa.

Um die Arbeitsbedingungen einer freien Wissenschaft – „frei“ steht in den Grundgesetzen der mitteleuropäischen Staaten – ist es schlecht bestellt. Das Renommee der Wissenschafter bestimmt sich nach Zahl ihrer Publikationen und Auftritte auf Konferenzen, Rankings in Zitier-Indizes und so weiter, den eingeworbenen Drittmitteln (also vonseiten der Industrie bezahlten Forschungsaufträgen), der Verankerung in Netzwerken (der schönere Ausdruck für Freunderlwirtschaft), der informellen Mitgliedschaft in Zitierkartellen, der Nähe zu Politik und Medien (Stichwort: Selbstvermarktung), die Reputation geben und für Fördermittel hilfreich sind.

An sich ist eine solche Lage beschämend. Übrigens, viel an naturwissenschaftlicher Forschung entstammt dem „Dual-Use“-Zweck, also einer militärischen und zivilen Anwendbarkeit der Forschungsergebnisse. Alles, was Informatik, Robotik, Smart Cities et cetera, Weltraumforschung, Astrophysik, Quantenphysik, Neurowissenschaften, Nanotechnologie, Biotechnologie betrifft, also im herrschenden neoliberalen, aggressiv wettbewerbsorientierten politwissenschaftlichen Verständnis exzellenzfähig ist, hat eine verdächtige Nähe zum militärisch-industriellen Komplex.

Und die Sozialwissenschaften …?

Die sind längst schon an den Rand gedrängt, sofern es sich nicht um die Wirtschaftswissenschaften handelt. Ihnen hat es wenig genützt, sich quantitativ auszurichten und menschliches Handeln, nein: Verhalten, mit statistischen Methoden zu interpretieren und dabei den Gesamtzusammenhang zu vergessen. Wer braucht denn in einer neoliberalen Gesellschaft schon Familien-, Stadt- oder Konsumsoziologie, wo der Markt ohnedies alles zum Besten regelt?

Nun, wenn man sich die Publikationen in den einschlägigen Zeitschriften ansieht, merkt man rasch, die baggern in ihrem kleinen See, und diese Aktivitäten bleiben gesellschaftlich ziemlich belanglos. Klar, die „Academia“ ist mit sich selbst beschäftigt, mit Publikationslisten und Konferenzen, mit ihrem selbstgewählten Ghetto. Da verschwendet einer oder eine keine Zeit, um mit den für die universitäre Community ziemlich irrelevanten Exponenten einer Citizen Science zu kommunizieren oder eine Kooperation anzufangen. Das bringt im Renommee-Ranking der Uni-Subkultur überhaupt nichts – keine Reputation, keine Aufmerksamkeit keine Anerkennung seitens staatlicher Fördergeber, keine Drittmittel. Das ist nur lästig, frisst Zeit und andere Aufmerksamkeitschancen.

Was könnte man tun?

Bürger könnten natürlich – ähnlich wie die Industrie – die Profis locken: mit Geld, mit Aufmerksamkeit, mit Medienpräsenz. Das funktioniert aber nicht, denn die Bürger haben diese Möglichkeiten nicht. Sie haben weder Geld noch Macht zu verleihen (wie die Industrie). Und auch medial existieren sie nur dort, wo sie sich mit Vehemenz sichtbar machen.

Etwa Profi-Wissenschaft kritisch hinterfragen …

Es ist selbstgewählte, unverbundene Koexistenz, mit der Citizen Science und Profi-Science heute vor sich hinarbeiten. Das muss nicht so sein. Bürger könnten durchaus provozieren, das tun sie ja auch bei örtlichen Bürgerinitiativen.

Man könnte der universitären Forschung die Frage gesellschaftlicher Relevanz stellen, die Profis also herausfordern, ihre Forschung auf gesellschaftliche Bedeutung oder Verspieltheit abklopfen, sie aus der selbstgewählten Sphäre wissenschaftlicher Neutralität (übrigens eine Chimäre) heraustreiben und die Selbstreferenzialität kritisch hinterfragen. Und gerade bei den Naturwissenschaften die Frage stellen, wem die Fördergelder (auch bei militärischer Forschung kommen sie aus dem Steuergeld der Bürger) nun wirklich nützen. Und welche Auswirkung die öffentlichen Milliarden für Nanotechnologie, Quantenphysik und CERN für die Zufriedenheit von Menschen nun tatsächlich haben. Genau um das ginge es bei Wissenschaft und Forschung, was trägt sie wirklich für das Wohlbefinden von Menschen und was für industrielle Profite bei? Und man sollte mit solchen Fragen auch den Medien auf die Zehen treten.

 

Kontakt

Prof. Dr. Karl Kollmann

Vorsitzender Verbraucherrat ASI

Heinestraße 38

1020 Wien

E-Mail: karl.kollmann@univie.ac.at

 

Literatur

Thematisiert die in Waren eingebaute geplante Obsoleszenz, www.murks-nein-danke.de/murksmelden/

Stark, Chr., Neoliberalyse. Über die Ökonomisierung unseres Alltags. Wien 2014. http://neoliberalyse.de/

Nora S. Stampfl, N. S., Die berechnete Welt. Leben unter dem Einfluss von Algorithmen. Hannover 2013.

Basel Institute of Commons and Economics, http://commons.ch/

Kurz, C., Rieger, F., Arbeitsfrei. Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen. München 2013.

Streifzüge: www.streifzuege.org

 

 

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