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Manfred Ronzheimer

Citizen Science plus citizen Media

Bausteine einer neuen Kommunikationsstrategie für das gesellschaftliche Bürgerwissen –
die Wissenschaft kommuniziert nämlich nicht (mehr) wissenschaftlich

Die Citizen Science-Debatte in Deutschland bringt immer mehr fragen an die Adresse der Wissenschaftsorganisationen hervor. Wie entstehen neue Themen, die mit öffentlichem Geld erforscht werden? Wie werden gesellschaftliche Belange zum Anlass wissenschaftlicher Arbeit identifiziert? Haben Forschungsinstitute eine Organisationskultur entwickelt, die offen ist für einen echten Dialog mit Bürgern? Auch die Rolle der Kommunikation gehört hierzu. Die Beziehung zwischen Wissenschaft und Medien, vor allem unter der Betrachtung von Neuerungsprozessen in beiden Systemen und deren Vergleichbarkeit, wird reflektiert. Die Bürgerwissenschaft (Citizen Science) muss deshalb von einer neuen zivilgesellschaftlichen Bürgeröffentlichkeit flankiert, ja verstärkt werden, um im Wissenschaftssystem zu einer nennenswerten Wirksamkeit zu gelangen. ein Konzept ist hierfür erforderlich, das Instrumente von „Citizen Media oder Citizen Journalism“ auf den Bedarf von Citizen Science zuschneidet. Ein Diskussionsvorschlag.

Citizen Science stellt eine Innovation im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft dar. Dies bezieht sich auf ein erweitertes Verständnis von Citizen Science, nämlich einer wirklich wirksamen Beteiligung der Bürger an wissenschaftlichen Prozessen und nicht nur datensammelnde Hilfsarbeiten in der Feldforschung. Citizen Science bedeutet aktive Partizipation der Gesellschaft an der Wissenschaft.

Diese neue Beziehung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft verlangt nach entsprechenden Formaten der Kommunikation und des Austauschs von Informationen. Ein klassisches Bindeglied zwischen beiden Welten verkörperte in der Vergangenheit der Wissenschaftsjournalismus, der via Massenmedien (Zeitungen, Rundfunk) über Themen und Vorgänge in der Wissenschaftssphäre unterrichtete. Innerhalb des Mediensystems stellte der Wissenschaftsjournalismus allerdings nur ein Nischenressort dar, an dem – mit Zunahme wirtschaftlicher Schwierigkeiten insbesondere auf Seiten der Verlagshäuser – Kürzungen zuallererst vorgenommen wurden. Vor allem der wissenschaftspolitische Journalismus, der sich mit Inhalten, Struktur und Organisationen des Wissenschaftssystems befasst, ist in Deutschland inzwischen praktisch zum Erliegen gekommen.

Bedeutungsverlust des Wissenschaftsjournalismus

Zeitgleich mit dem Bedeutungsverlust des Wissenschaftsjournalismus innerhalb des Mediensystems bauten die Wissenschaftsorganisationen im Zuge der vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft angestoßenen Entwicklung zum „Public Understanding of Science and Humanities“ (PUSH) eigene Kommunikationswege auf, um die Gesellschaft zu erreichen. Die Instrumente sind kaum zu überschauen – sie reichen von Hands-on-Veranstaltungen (Lange Nacht der Wissenschaften, Forschung zum Mitmachen, Science Slams) über eigene Magazine bis hin zur verstärkten Nutzung des Internet. Die Politik vervollständigte diese Popularisierungs-Ansätze durch thematische Wissenschaftsjahre und Groß-Events (Wissenschafts-Schiff). Mittlerweile ist auf Seiten der Hochschulen und Forschungseinrichtungen eine „Industrie der Wissenschaftskommunikation“ entstanden, die in Personal- und Ressourceneinsatz den Umfang des früheren Wissenschaftsjournalismus um ein Mehrfaches übersteigt.

Wissenschaftskommunikation ähnelt der Firmen-PR

Diese Wissenschaftskommunikation neueren Typs versucht zwar, die gleiche Zielgruppe wie der Wissenschaftsjournalismus zu erreichen: die Gesellschaft. Sie verfolgt dies jedoch mit den Mitteln der klassischen Unternehmenskommunikation und Public Relation: einseitige Hervorhebung von bestimmten, positiv konnotierten Gesichtspunkten, speziell zur Leistung der eigenen Organisation. Dabei fällt das Verschweigen von kritischen Aspekten und eine verringerte Objektivität auf.

Wissenschaftskommunikation befindet sich folglich in einer schizophrenen Lage des gespaltenen Bewusstseins: Ihre Herkunft und ihr Handlungsgrund, die Wissenschaft, ist im Kern der Wahrheitssuche verpflichtet. Bei der medialen Aussendung ihrer Botschaften in Richtung Gesellschaft gibt die Wissenschaftskommunikation diesen Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsanspruch auf und mutiert zu interessengebundener Wissenschafts-PR. Die Wissenschaft, die in dieser Form den öffentlichen Raum betritt, ist der Botschaft nach „hilfreich, edel und gut“. Kritischer Journalismus wird verdrängt, Tendenzwerbung dominiert.

Zwei große Veränderungen zivilisatorischen Ausmaßes überwölben und treiben die Neujustierung des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Gesellschaft aktuell und in den kommenden Jahren. Die Digitalisierung der Information und ihre Verlagerung ins Internet transformiert die alte, analoge massenmedial hergestellte gesellschaftliche Öffentlichkeit, in zwar frei zugängliche, aber individualisierte Online-Informationsräume ohne gesellschaftlichen Zusammenhang. Zugleich wächst der Druck, die gesellschaftlichen Gemeingüter („Commons“), darunter die Wissenschaft, für privatwirtschaftliche Verwertungsinteressen zu öffnen. Das wiederum ruft zivilgesellschaftliche Gegenbewegungen auf den Plan. Beide Meta-Trends, Medientechnik und Volkswirtschaft, präformieren die Suche nach neuen, zeitgerechten Lösungen.

Wenn die Citizen Science-Bewegung der professionellen Wissenschaft zumindest im Selbstbewußtsein „auf Augenhöhe“ gegenüber treten will, wenn sie von der Wissenschaft als relevanter Akteur der Gesellschaft akzeptiert werden will, wenn sie sich zugleich legitimatorisch ein „gesellschaftliches Hinterland“ errichten will, dann wird für sie der Aufbau neuer kommunikativer Strukturen unerlässlich sein. Die soziale Wirksamkeit wächst mit der Intensität, sprich Vernetztheit derartiger Kommunikationsstrukturen.

Bündelung der Informationen – Einordnung der Ergebnisse

Ein erster kommunikativer Schritt stellt die informatorische Bündelung der bereits vorhandenen Citizen Science-Aktivitäten dar: „Eine gemeinsame Citizen Science-Zeitschrift, die die Bewegung zusammenführt und mit der professionellen Wissenschaft verbindet“ (siehe Finke, S. 239, Quelle: Buchbesprechung in diesem Heft). Die „Heimatbasis“ müsste logischerweise außerhalb der Wissenschaft anzusiedeln sein. Dies gilt auch für eine Internet-Webseite, auf der sich die Identitätsbildung der zivilgesellschaftlichen Bürgerwissenschaft in starkem Umfang abspielt.

Sich allein an der Bürgerwissenschafts-Seite eines wissenschaftlichen Naturkunde-Museums, eben des Naturkundemuseums in Berlin, zu beteiligen, ist nicht ausreichend. Diese kommunikativen Maßnahmen bedürfen freilich auch der Untersetzung durch entsprechende Organisationsbildung (Verein, Netzwerk, Aktionsgemeinschaft etc.).

Ein vergleichbarer Prozess der Organisationsbildung ist auf Seiten der Wissenschaft bereits weit vorangeschritten. Die Beschäftigten der früheren Pressestellen von Hochschulen und Forschungseinrichtungen definieren sich heute als „Wissenschaftskommunikatoren“ und „Kommunikationsmanager“, die das kommunikative Bindeglied zwischen den Wissenschaftlern und der Gesellschaft darstellen. Eigene Konferenzformate zur Methodenentwicklung und -verbreitung (das von „Wissenschaft im Dialog“ – getragen von den großen deutschen Wissenschaftsorganisationen – jährlich veranstaltete „Forum Wissenschaftskommunikation“ in Abgrenzung zur Konferenz „Wissenswerte“ der Wissenschaftsjournalisten) sind inzwischen etabliert. Derzeit läuft die Phase der Identitäts- und Theoriebildung. Jüngstes Ergebnis ist der „Siggener Aufruf“ (siehe den Beitrag von Ulrike Wolpers in diesem Heft) mit dem Versuch, Standards für „gute Wissenschaftskommunikation“ zu entwickeln. Das ist ein Beispiel für den weitgreifenden Anspruch der innerwissenschaftlichen Wissenschaftskommunikatoren. Die Standards „sind für die Entscheider im Wissenschaftssystem Seismographen für gesellschaftliche Entwicklungen mit Relevanz für die Wissenschaft.“

Gesellschaft stellt Fragen an die Wissenschaft

Im nächsten kommunikativen Schritt nach der internen Informationsvernetzung müsste sich die Citizen Science-Bewegung verstärkt der Entwicklung und Formulierung von gesellschaftlichen Fragestellungen zuwenden, um die sich die professionelle Wissenschaft noch zu wenig kümmert. Derzeit dominiert die wissenschaftsgetriebene Angebotsseite: Wissenschaft bietet den Bürgern an, als Datensammler bei Forschungsprojekten mitzumachen. Nötig ist der Aufbau einer gesellschaftsgetriebenen Nachfrage-Seite: Die Gesellschaft definiert die Forschungsfragen, die sie zur Lösung ihrer Probleme braucht und trägt sie an die Wissenschaftler heran.

Einen entsprechenden Aufschlag hatte vor zwei Jahren der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) mit seiner Analyse und Forderung nach mehr Nachhaltigkeits-Forschung gemacht („Nachhaltige Wissenschaft“). Dies führte unter anderem zur Gründung der „Zivilgesellschaftlichen Plattform Forschungswende“, organisatorisch angesiedelt bei der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW). Diese Plattform, aber auch bestehende und neue Wissenschaftsläden, könnten der Ort für die gesellschaftliche Formulierung relevanter Forschungsfragen und ihre gemeinsame Bearbeitung mit den Profi-Wissenschaftlern sein. Dieser Prozess sollte vollständig in der Öffentlichkeit, mit entsprechenden Publikationen und Veranstaltungen (Hearings) stattfinden. Einen interessanten Vorschlag zu mehr Bürgerbeteiligung hat kürzlich die Stiftung Zukunft Berlin nach dem erfolgreichen Volksentscheids zur Nicht-Bebauung des Flugfeldes Tempelhof vorgelegt, der sich auch für wissenschaftsbezogene Vorgehensweisen adaptieren ließe.

Citizen Science-Tag: Verknüpfung mit allen Ansätzen zur Transformation

Bereits parallel dazu wäre als dritter Schritt einer Citizen Science-Kommunikationsstrategie der breite Weg in die gesellschaftliche Öffentlichkeit zu beschreiten. Nicht als Vertreter von Partialinteressen (nach dem Motto: „Wir machen Wissenschaft für die Gesellschaft verständlich“), sondern als Kompetenzzentrum für die Sammlung und Verfügbarbarmachung von gesellschaftlichem Wissen außerhalb der institutionellen Wissenschafts-Tempel. Dazu würde unter anderem gehören: „Ein etwa alle zwei Jahre stattfindender Citizen Science-Tag, auf dem gemeinsam interessierende Fragen erörtert und einzelne Vorhaben vorgestellt werden“ (Finke, S. 239).

Diese dritte Kommunikationsebene entwickelt und hält engsten Kontakt mit allen zivilgesellschaftlichen Ansätzen zur Veränderung und Transformation der Lebens- und Arbeitsbedingungen. Das können beispielsweise Konzepte sein wie: Transition Towns, Slow Food, Urban Gardening und Farming, Sharing- und Repairbewegungen, Co-Working Spaces, Fab Lans und Open Source-Technologien in IT und außerhalb. Das Wissen der Bürger über diese praktisch möglichen und bereits realisierten Veränderungen in Gesellschaft und Umwelt (Real-Labore) wird dann von der Citizen Science-Kommunikationsstrategie aufgegriffen und medial umgesetzt.

Fazit

Eine Besonderheit ist der medien-partizipatorische Ansatz. Die Berichterstattung über Citizen Science soll nach dieser Konzeption nicht ausschließlich von Medien-Profis realisiert werden, sondern vor allem unter Beteiligung der Bürger selbst geschehen. Die eigenen Citizen Science-Informationsorgane sowie Beiträge in anderen zivilgesellschaftlichen Medien (online wie offline) werden in gemeinsamen Redaktionskollektiven erarbeitet. Bürgerwissenschaft wird über Bürgermedien anschaulich gemacht und verbreitet. Dazu zählt auch die „Weiterbildung von Wissenschaftsjournalisten speziell für die mediale Unterstützung von Citizen Science“ (Finke, S. 239). Aber genauso gehört das Schreib-Training von nicht-journalistischen Wissensbürgern dazu. Denn Citizen Science kann Partizipationen eröffnen, die zugleich einen Beitrag zur Medienwende (Citizen Media) leisten können.

 

Kontakt

Manfred Ronzheimer

Wissenschaftsjournalist in Berlin

E-Mail: ronzheimer@t-online.de

 

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