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Prof. Dr. Karl H. Schneider / Hannover 2012

Wissenschaft trifft Laienforschung

Antrag für ein Kooperationsprojekt in einer einmaligen historischen Kulturlandschaft

Wissenschaftliche Forschung und historische Laienarbeit sind in den vergangenen Jahrzehnten nur dann in eine engere Berührung gekommen, wenn Wissenschaftler Laien fortgebildet haben, d.h. in Form von letztlich nur in eine Richtung verlaufender Bildungsarbeit. Dieser Ansatz war zwar einerseits fortschrittlich, weil er überhaupt die Laien in den Fokus wissenschaftlicher Arbeit gebracht hat, aber er blieb begrenzt. Er blendete nämlich aus, dass Laienforschung durchaus mehr ist, als Arbeit von Laien für Laien, sondern dass sie einen Beitrag zur wissenschaftlichen Forschung liefern kann.

Laienforscher sind inzwischen teilweise hochmotivierte und kompetente Forscher geworden, denen allerdings oft der Bezug zur Wissenschaft fehlt, während andererseits wissenschaftliche Forschung bislang kaum die Erkenntnisse von Laien genutzt hat. Laienforschung ist in erster Linie an Quellen orientierte Detailarbeit. Laien verfügen dabei oft über mehr Zeit und Detail­kenntnisse als Wissenschaftler, die wiederum eher mit methodischen und theoretischen Fragestellungen vertraut sind. Eine Kooperation beider Seiten würde deshalb die Chance eröffnen, dass Wissenschaftler von Laienarbeit ebenso profitieren wie Laien von wissenschaftlicher Arbeit.

Eine systematische Kooperation setzt aber voraus, dass die Interessen und Möglichkeiten beider Seiten eng miteinander verknüpft sind, sowohl personell wie sachlich, und dass es einen Ort gibt, wo beide Seiten zusammen kommen. In Schaumburg bestehen derzeit in dieser Richtung besondere Möglichkeiten. Hier gibt es einerseits ein enges Gefüge von verschiedenen, miteinander kooperierenden Institutionen, andererseits eine große räumliche Nähe zu einem historischen Seminar. Als realer Ort der Kooperation sind Einrichtungen der Erwachsenenbildung und die Archive denkbar, als virtueller Raum bietet sich das Internet an.

Kooperationspartner mit jeweiligen unterschiedlichen Angeboten können sein:

» die Schaumburger Landschaft als "Dachorganisation" für alle kulturellen Aktivitäten in der Region

(und damit auch der Laienforscher),

» die Archive als die zentralen Orte für Recherche,

» die Volkshochschule als Ort des gemeinsamen Lernens,

» die Universität als wissenschaftliche Partnerin

» die Historische Arbeitsgemeinschaft für Schaumburg als Gemeinschaftseinrichtung historischer Forschung in Schaumburg.

Der virtuelle Ort und gleichzeitig die zentrale Publikationseinrichtung muss das Internet sein und zwar das Web 2.0. Hierüber können sich nicht nur die beteiligten Laienforscher und Wissenschaftler austauschen und ihre Arbeit abstimmen, sondern zugleich bietet es sich als Publikationsort für Forschungsergebnisse zum Schaumburger Land an. Darüber können bislang in den einzelnen Gemeinden erbrachte Arbeitsergebnisse so publiziert werden, dass Querbezüge ebenso möglich sind wie gemeinsame Projekte. Die technisch, wenngleich optisch nicht, attraktivste Form könnte eine Wiki sein, wie sie schon in Form der Lernwerkstatt Geschichte seit Jahren erprobt wird.

Ein Kooperationsprojekt zwischen Wissenschaft und Laienforschung braucht Themen, die für eine Kooperation geeignet sind. Als erstes Thema möchte ich eines zum Ersten Weltkrieg vorschlagen. Der Erste Weltkrieg als wichtiges Thema bietet sich allein deshalb an, weil sich der Kriegsbeginn 2014 zum 100. Mal jährt und dieser Krieg eine gesamteuropäische Erfahrung war. Für Schaumburg-Lippe gibt es zwar eine aktuelle Publikation (die vom Autor dieses Textes betreut worden ist). Ihre Aufgabe war es aber nicht, die alltagsgeschichtlichen und sozialen Wirkungen dieses Krieges zu untersuchen, sondern die allgemeine Entwicklung des Fürstentums Schaumburg-Lippe. Zugleich bleibt damit insgesamt die Geschichte der Grafschaft Schaumburg während des Krieges immer noch unerforscht. Der Krieg war ein gesamteuropäisches Urereignis, er verband auf neue Weise individuelle, lokale, regionale, nationale und transnationale Geschichte miteinander. An dieser Schnittstelle kann ein erstes Kooperationsprojekt ansetzen, indem es den Blick auf eine Personengruppe lenkt, die zwar immer in den Darstellungen zum Kriege betrachtet worden sind, die aber bislang nie systematisch untersucht wurden: die Kriegstoten.

Das Projekt hat deshalb seinen Ausgangspunkt in der Frage, wer denn die Toten des Krieges waren: woher sie kamen, wie alt sie waren, welche Berufe sie ausgeübt haben, ob sie verheiratet oder ledig waren, in welchen Einheiten sie dienten, wo sie wann starben.

Das Projekt hätte damit sowohl eine lokale und regionale wie europäische Dimension, es würde sich nicht nur für die geplante Kooperation eignen, sondern auch in einen erweiterten Forschungskontext stehen, der neben der Universität Hannover auch die Universität Osnabrück mit einbeziehen würde.

Die Beantwortung dieser Fragen nicht nur für einen Ort, sondern für eine ganze Region erfordert ein höchst anspruchsvolles Arbeiten mit verschiedenen seriellen Quellen. Die Kenntnis dieser Quellen ist bei den meisten Laienforschern gegeben, so dass sie ihre spezifischen Kenntnisse in ein gemeinsames Projekt einbringen können, während Wissenschaftler die methodische und inhaltliche Erweiterung der Forschungsergebnisse repräsentieren. Ein die ganze Region erfassendes Projekt wird allerdings nicht bei einer eindeutigen Arbeitsteilung stehen bleiben - also hier Erfassung der Quellen, dort deren Interpretation -, sondern teilweise zu parallelem und verschränktem Arbeiten führen.

Antragsmöglichkeiten:

» wissenschaftliche Begleitung aus Hannover in Höhe von zunächst 2.500 Euro (Reisekosten und wiss. Hilfskraft)

» Unterstützung einer Kleintagung: 1000 Euro, darin auch Mittel für Gastvorträge von Wissenschaftlern zu dem Thema,

» Bereitstellung der technischen Voraussetzung für eine Website und Mittel für die technische Einrichtung der Website,

Kostenpunkt je nach Anforderungen ca. 5.000,- Euro.

» zusätzlich könnte die VHS in Kooperation mit der ZEW in Hannover Seminarkurse anbieten und finanzieren.

Kontakt:

apl. Prof. Dr. Karl H. Schneider

Leibniz Universität Hannover Historisches Seminar

Im Moore 21, 30167 Hannover

Tel.: +49 (0)511-762-4432

E-Mail: karl-heinz.schneider@hist.uni-hannover.de

 

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